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Orientierungsplan

Mehrperspektivisches Verständnis von Bildung und Erziehung

In Deutschland haben die Begriffe "Bildung" und "Erziehung" ihre eigene Tradition, auch deshalb, weil es die im deutschsprachigen Bereich übliche Unterscheidung zwischen Bildung und Erziehung nur in wenigen Sprachen gibt. Deshalb wird dem Orientierungsplan eine Darstellung des ihm zugrunde liegenden Bildungsverständnisses vorausgeschickt.

„Bildung“ meint die lebenslangen und selbsttätigen Prozesse zur Weltaneignung von Geburt an. Bildung ist mehr als angehäuftes Wissen, über das ein Kind verfügen muss. Kinder erschaffen sich ihr Wissen über die Welt und sich selbst durch ihre eigenen Handlungen. Kindliche Bildungsprozesse setzen verlässliche Beziehungen und Bindungen zu Erwachsenen voraus. Bildung ist ein Geschehen sozialer Interaktion.

„Erziehung“ meint die Unterstützung und Begleitung, Anregung und Herausforderung der Bildungsprozesse, z. B. durch Eltern und pädagogische Fachkräfte. Sie geschieht auf indirekte Weise durch das Vorbild der Erwachsenen und durch die Gestaltung von sozialen Beziehungen, Situationen und Räumen. Auf direkte Weise geschieht sie beispielsweise durch Vormachen und Anhalten zum Üben, durch Wissensvermittlung sowie durch Vereinbarung und Kontrolle von Verhaltensregeln.

Die beiden Brückenpfeiler Bildung und Erziehung bestimmen im Kindergartenalltag das pädagogische Handeln der Fachkraft.

Stärkung der Kinderperspektive, Entwicklungsangemessenheit sowie ganzheitliche Begleitung und Förderung sind Schlüsselbegriffe des baden-württembergischen Orientierungsplans.

Sie erfordern einen mehrperspektivischen Ansatz, der verschiedene wissenschaftliche Disziplinen einbezieht und verbindet: Pädagogik (besonders Elementarpädagogik und Sozialpädagogik), Psychologie (besonders Entwicklungspsychologie und Motivationspsychologie), Neurowissenschaft und Theologie. Die verschiedenen Perspektiven ergänzen sich und ermöglichen zusammen ein besseres Verständnis der Bildungs- und Erziehungsprozesse im Kindergarten als jede einzelne Perspektive allein.

Diese Ansätze gehen mit teilweise sehr unterschiedlichen theoretischen Konstrukten und Methoden an das Thema heran, eben mit geistes-, sozial- und naturwissenschaftlichen. Das bringt ungewohnte Sichtweisen und Aussagen mit sich. Die pädagogische Auffassung, dass Bildung – auch im Kindergartenalter – ein Konstruktionsprozess ist, in dem das Kind sich seine Welt aktiv erschließt, steht im Einklang mit Hirnforschung und Psychologie. Der Aufbau eines inneren Modells der Welt spielt sich im Gehirn ab und gehorcht Gesetzmäßigkeiten, mit denen sich die Neurowissenschaften befassen. Eine wichtige Rolle spielen Lernprozesse, die ihren Niederschlag ebenfalls im Nervensystem finden, aber auch unter dem Blickwinkel des kindlichen Erlebens und seiner Motivation, Freude, Furcht etc., also in psychologischen Kategorien gefasst werden können. Alle diese Ansätze öffnen sich für den theologischen Blickwinkel, in dem der Mensch auch in die spirituelle, religiöse Sphäre hineinreicht und sich als Geschöpf Gottes und diesem zugeordnet empfindet.

Der baden-württembergische Orientierungsplan schließt sich der im „Gemeinsamen Rahmen der Länder getroffene Feststellung an: „Bildung und Erziehung werden als ein einheitliches, zeitlich sich erstreckendes Geschehen im sozialen Kontext betrachtet. Es umfasst die Aktivitäten des Kindes zur Weltaneignung ebenso wie den Umstand, dass diese grundsätzlich in konkreten sozialen Situationen erfolgen. Im Prozess der Weltaneignung oder Sinnkonstruktion nehmen das Kind und sein soziales Umfeld wechselseitig aufeinander Einfluss, sie interagieren. Nach diesem Verständnis tragen die Bildung des Kindes unterstützende, erzieherische und betreuende Tätigkeiten gemeinsam zum kindlichen Bildungsprozess bei.“

Dieses mehrperspektivische Verständnis von Bildung und Erziehung soll anhand von einigen Punkten präzisiert werden:

  1. Bildung ist ein aktiver Verarbeitungsprozess von Informationen - das Kind ist Akteur, Subjekt, das sich aktiv die Umwelt erschließt, aneignet, gestaltet. Das gilt vom einfachsten Wahrnehmungsprozess über die Begriffsbildung bis hin zum kreativen Problemlösen und zum Handeln im sozialen Umfeld.
  2. Bildung beginnt mit der Geburt - schon der Säugling ist aktiv und kommunikativ. Bildung dauert das ganze Leben.
  3. Bildung, besonders im institutionellen Rahmen, vollzieht sich in der Auseinandersetzung eines Bildungssubjekts (Kind) mit seiner Welt und im Zusammenwirken mit anderen Akteuren (Erziehungspersonen, anderen Kindern), also in der Interaktion. Diese gegenseitige Beeinflussung von Kind und anderen Personen geht in das Ergebnis des kindlichen Bildungsprozesses ein, positiv wie negativ.
  4. Aus der Auffassung des Kindes als Subjekt des Bildungsprozesses, das sich die Welt aktiv aneignet, folgt, dass die Erzieherinnen und Erzieher eine wichtige, verantwortungsvolle und aktive Rolle bei der Bildung und Erziehung im Kindergarten haben. Sie sind Beobachter und Arrangeure der räumlichen Umgebung und insbesondere verantwortliche Interaktionspartner des Kindes und haben damit einen maßgeblichen Einfluss auf das Ergebnis und die Qualität des Bildungs- und Erziehungsprozesses.
  5. Eine anregende Umgebung herstellen, positive emotionale Bindung ermöglichen, Kinder beobachten und ermutigen sind sehr wichtige Aufgaben des pädagogischen Fachpersonals der Kindergärten. Aber auch im Kindergarten gibt es Situationen, die ein aktives Einwirken der Erzieherin oder des Erziehers erforderlich machen, sei es durch Anbieten von Informationen, durch Vorgaben und Anforderungen an das Kind, oder durch korrigierendes Eingreifen. Wenn Kinder durch Behinderung oder Krankheit erschwerte Zugänge zu Bildungsprozessen haben, kommt der Gestaltung der Umgebung und der positiven emotionalen Beziehungsgestaltung besondere Bedeutung zu. Niemand kann sich seinen Lebensraum und seine Kultur allein durch eigene Aktivität und Erfahrung, allein durch direktes Lernen aneignen, sondern muss auf Erfahrungen und Wissen anderer zurückgreifen. Zudem ist es in manchen Situationen unmöglich oder zu gefährlich, das Kind Erfahrungen über Selbstaneignungen machen zu lassen. Das Verhalten im Straßenverkehr muss durch Vorgaben und Vorbild der Erwachsenen erlernt werden, altersgemäß und mit vielen anschaulichen praktischen Übungsphasen zwar, dennoch handelt es sich um Regeln aus der Erwachsenenwelt, die dem Kind vorgegeben werden müssen.
    Fehlhaltungen im feinmotorischen Bereich, etwa bei der Benutzung von Stiften, sind später oft schwer zu korrigieren. Die Erzieherin muss hier lenkend eingreifen. Oder wenn heute viele Kinder mit Sprachproblemen aufwachsen und auch die Kindergartengruppe in sich nicht entsprechende Sprachvorbilder bieten kann, wird man nicht sehenden Auges diese Entwicklung weiterlaufen lassen, sondern gezielte Fördermaßnahmen in Angriff nehmen müssen.
  6. Bildung muss mehr vom Prozess her gesehen werden. Was ist Gegenstand des Bildungsprozesses und was sind die angestrebten Qualifikationen und Kompetenzen? Unter diesem Aspekt hat Bildung immer zwei Blickrichtungen: einerseits ist sie vergangenheitsbezogen, Teil der Weitergabe von Kultur an die heranwachsende Generation, die zur Teilhabe an dieser Kultur befähigt werden soll. Andererseits ist Bildung zukunftsbezogen, sie muss der nachwachsenden Generation die Voraussetzungen bieten, Wissen, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen zu entwickeln. Bildung kann insofern verstanden werden als Zusammenhang von Lernen, Wissen, Wertebewusstsein, Haltungen und Handlungsfähigkeit im Horizont sinnstiftender Deutungen des Lebens. Damit wird der nachwachsenden Generation die verantwortungsvolle und im Sinne einer Anschlussfähigkeit sinnorientierte Bewältigung des praktischen täglichen Lebens ermöglicht. Hierzu gehört auch die angemessene Vorbereitung auf die Schule, die unter anderem einen wesentlichen Teil im Leben des aufwachsenden Kindes einnimmt.
  7. In den vergangenen Jahren ist sowohl in den einschlägigen wissenschaftlichen Fachdisziplinen wie auch in der Bildungspolitik die Bedeutung der ersten sechs Lebensjahre als besonders entwicklungs-, bildungs- und lernintensive Zeit betont worden. Zugleich fehlen bei immer mehr Kindern bei Schuleintritt Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulstart. So ist festzustellen, dass Kinder zunehmend Sprachentwicklungsverzögerungen aufweisen. Neben den Familien kommt gerade auch dem Kindergarten die Aufgabe zu, Voraussetzungen für einen gelingenden Übergang in die Grundschule zu schaffen. Ungeachtet des eigenständigen Bildungsauftrags des Kindergartens ist dies eine Anforderung der „praktischen Bildung“, denn die Grundschule ist für die älteren Kindergartenkinder ein Teil ihrer bevorstehenden praktischen Lebensanforderung. Das ist aber nicht alleine Aufgabe der Kindergärten, dazu braucht es die Kooperation mit der Grundschule, vor allem auch die Kooperation mit der Familie. Darüber hinaus ist für Kinder mit Behinderungen, Krankheiten und sonderpädagogischem Förderbedarf rechtzeitig vor Beginn der Schulpflicht im Zusammenwirken mit den entsprechenden Partnern die Lernortfrage zu klären, um damit den Übergang in die Schule differenziert vorzubereiten.

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