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Datum:  17.10.2005

"Bildung für Europa" als Schwerpunkt beim zweiten landesweiten Bildungskongress in Karlsruhe

Kurzbeschreibung:  Kultusminister Helmut Rau: "Bildung in Kindergarten und Grundschule ist das Bildungsthema des Jahrzehnts" / Modellversuche für gemeinsame Bildungseinrichtung der Drei- bis Zehnjährigen angestrebt

Der zweite landesweite Bildungskongress findet am 17. und 18. Oktober unter dem Titel "Bildung für Europa" im Kongresszentrum in Karlsruhe statt. Nach dem ersten Kongress in Ulm im Jahr 2002 wird in diesem Jahr Bilanz aus den bisherigen Bildungsreformen gezogen, es werden Erfahrungen ausgetauscht und es wird ein Ausblick auf die nächsten Jahre in der Bildungsarbeit gegeben.

"Hat das Ulmer Kongressthema 'Bildung stärkt Menschen' den Blick auf den Einzelnen gelenkt, der im Mittelpunkt jeder Bildungsdiskussion steht, so kehrt der jetzige Kongress quasi die Blickrichtung um und fragt nach den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Herausforderungen, unter den Bildung heute stattfindet", steckte Kultusminister Helmut Rau MdL die Perspektive ab. Europa sei nicht nur eine geographische, wirtschaftliche und politische Größe, sondern vor allem eine kulturelle Gemeinschaft: "Bildung ist Kulturarbeit und Lehrkräfte sind Kulturschaffende. Bildung muss unsere Kinder und Jugendliche fit für Europa machen." Dabei könne und müsse man auch von anderen Ländern lernen, so Rau. Als Beispiele nannte er Finnland mit der Konzentration auf die Förderung des einzelnen Kindes, die Niederlande mit einer umfassenden Öffnung der Schulen ins Umfeld und Wales mit einem gut funktionierenden Evaluationssystem. Rau warnte aber davor, sich mit dem Blick über die Grenzen auf zu einfache Erklärungen einzulassen.

Der Minister mahnte, die gute und wichtige Arbeit der Schulen in Baden-Württemberg auch positiv zu würdigen: "Ich habe eine hohe Meinung von den Lehrerinnen und Lehren in unserem Land und ich bin mir sicher, dass für jedes Problem, das sich Schulen heute stellt, irgendeine Schule im Land schon eine Lösung gefunden hat. Über diese guten Beispiele müssen wir reden und sie heraus stellen, weil sie allen helfen, weiterzukommen."

Als Eck- und Schwerpunkte für eine "Bildung für Europa" nannte Helmut Rau, das Sprachenlernen, vorschulische Bildung, berufliche Bildung und Weiterbildung. Besonders auf die vorschulische Bildung müsse stärker Wert gelegt werden: "Die Bildung in Kindergarten und Grundschule ist das Bildungsthema des Jahrzehnts." Hier müsse auch der nachgewiesene Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufgebrochen werden. "Wir müssen Förderkonzepte bieten, die den Kindern selbstständiges Lernen ermöglichen und alle ihre Potenziale ausschöpfen lassen." Auch die gelingende Integration von Kindern mit Migrationshintergrund spiele hier eine wichtige Rolle.

"Wir müssen stärker darauf achten, dass der natürliche Forscherdrang der Kinder im Kindergarten gefördert wird und dass vor allem die Sprachfähigkeit entwickelt wird", sagte Rau, der hervorhob, dass der jetzt in Kraft tretende Orientierungsplan für die Kindertageseinrichtungen hier die Perspektiven weise. In den Orientierungsplan sind die neuesten Erkenntnisse aus Frühpädagogik, Entwicklungs- und Motivationspsychologie sowie aus der Hirnforschung eingeflossen. Die enge Verzahnung von Kindergarten und Grundschule müsse das Ziel sein, so Rau: "Der Übergang darf kein Bruch, sondern muss eine Brücke sein. Denkt man diese Verzahnung weiter, so könnte es eines Tages zu einer Verschmelzung von Kindergarten und Grundschule kommen, so dass Kinder zwischen drei und zehn Jahren in einer Einrichtung lernen und gefördert werden. Wir wollen Modellversuche starten, um diese Möglichkeiten auszuprobieren."

Der Kultusminister bekräftigte, dass die Ganztagesschulen im Land weiter ausgebaut werden. "Ich stehe zu einem bedarfsgerechten flächendeckenden Ausbau. Das heißt: Nicht jede Schule muss Ganztagesschule werden, aber jedes Kind soll eine Ganztagesschule erreichen können." Rau warnte davor, die Ganztagesschule als Allheilmittel zu propagieren. "Wir haben sehr viele ausgezeichnete und vorbildliche Schulen im Land, die nicht Ganztagesschulen sind. Wir müssen klar machen, dass diese Schulen nicht dereinst als Schulen zweiter Klasse gelten."


Prof. Dr. Otfried Höffe, Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie an der Universität Tübingen, sprach am ersten Kongresstag zum Thema ?Was hält Europa zusammen??
Prof. Dr. Olaf Köller von der Humboldt-Universität Berlin (Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen) referierte über begabungsgerechte Bildungsangebote in den Schulen und nahm anschließend an einem Expertenforum teil. Darüber hinaus gibt es am ersten Tag insgesamt sieben Foren und Werkstätten, deren Schwerpunkte von der frühkindlichen Bildung und Erziehung über die Sprachförderung von Migrantenkindern, Lese- und Hochbegabtenförderung bis hin zu den neuen pädagogischen Konzepten in der beruflichen Bildung und die Verzahnung von Vollzeitschulen mit der dualen beruflichen Bildung reichen.

Zum Abschluss des ersten Tages gibt es einen Empfang der Landesregierung mit Ministerpräsident Günther H. Oettinger. Im Rahmen dieser Veranstaltung werden baden-württembergische Schulen als ?Bildungswerkstätten? ausgezeichnet.

Den zweiten Kongresstag wird morgen der Ulmer Hirnforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer mit einem Referat zum Thema ?Zeitstrukturen für Schule und Lernen? eröffnen. Auch an diesen Vortrag wird sich ein Forum mit Expertinnen und Experten anschließen. Die kanadische Bildungsforscherin Pauline Laing spricht über die Qualitätsverantwortung an Schulen und berichtet über die Erfahrungen auf diesem Gebiet in Kanada. Anschließend hat ein weiteres Expertenforum des Bildungskongresses die Ergebnisverantwortung im Spannungsfeld zwischen Standards und Individualisierung zum Thema. Den zweiten Kongresstag beschließen wiederum sieben Werkstätten, unter anderem zur Evaluation an Schulen, Diagnose- und Vergleichsarbeiten, Erfahrungen mit den Fächerverbünden, Sprachen lernen in Baden-Württemberg und zur veränderten Rolle der Schulleitung in der eigenständigen Schule.


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