Schulartübergreifend
  • 09.08.2018

Land plant keine Änderungen beim herkunftssprachlichen Unterricht

Ministerin Dr. Susanne Eisenmann: Effiziente Sprachförderung, die frühzeitig auf gute deutsche Sprachkenntnisse abzielt, hat für die Bildungskarrieren von Kindern mit Migrationshintergrund größte Bedeutung.

„Wir planen derzeit keine Änderungen beim freiwilligen Zusatzangebot des muttersprachlichen Unterrichts“, sagt Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann. „Die zentrale bildungspolitische Herausforderung, vor der wir angesichts weiter wachsender Zahlen von Kindern mit Zuwanderungshintergrund in unseren Schulen stehen, ist eine frühzeitige, wirkungsvolle Sprachförderung.“ Sie sei der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration und die wesentliche Grundvoraussetzung dafür, dass diese Kinder eine erfolgreiche Bildungskarriere einschlagen könnten.

Der muttersprachliche Zusatzunterricht beruht in Deutschland auf der sogenannten EU-Wanderarbeiterrichtlinie von 1977. „Ob diese Richtlinie noch zeitgemäß ist, darüber lässt sich trefflich streiten“, so die Kultusministerin. Sie habe deshalb im vergangenen Jahr beim Justizministerium eine bewertende Stellungnahme erbeten und den Umgang mit der EU-Richtlinie als Präsidentin der Kultusministerkonferenz auf die gemeinsame Tagesordnung der Länder gebracht. Unter dem Strich habe sich gezeigt, dass die Spielräume der Länder durchaus groß sind und das Meinungsbild unter den Kultusministern sehr heterogen ist.

„Die Vorgängerregierung in Baden-Württemberg hatte den Anspruch, den muttersprachlichen Unterricht schrittweise ins schulische Regelangebot zu integrieren, in ihren Koalitionsvertrag geschrieben, diesen Anspruch aber nie eingelöst“, so Eisenmann. „Dass nun diejenigen, die damals Verantwortung trugen, von mir die Umsetzung ihrer Versprechen einfordern, ist ein erstaunlicher Vorgang.“

Aktuelle Bildungsstudien haben gezeigt, dass eine frühzeitige, intensive deutsche Sprachförderung die entscheidende bildungspolitische Voraussetzung dafür ist, dass herkunftsbedingte Disparitäten im Bildungswesen nicht weiter zunehmen. „Das gilt gleichermaßen für Kinder mit und ohne Migrationshintergrund“, sagt die Kultusministerin. Darauf habe zum Beispiel Professor Jürgen Baumert, ehemals Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und Vorsitzender des für Baden-Württemberg einberufenen Expertenrats Herkunft und Bildungserfolg, in seinen Schlussempfehlungen 2011 deutlich hingewiesen. Die Freie Universität Berlin habe bereits vor mehr als zehn Jahren unter dem Titel „BeLesen“ eine viel beachtete empirische Längsschnittstudie unter Grundschülern durchgeführt, die zu alarmierenden Befunden gekommen sei. Dabei wurde festgestellt, dass die Ergebnisse der Sprachstandsdiagnose zum Zeitpunkt der Einschulung der Kinder der deutlichste Indikator für das schulische Leistungsvermögen der Kinder in Klasse 4 in Lesen, Schreiben und Rechnen sind. „Das ist ein alarmierender Befund, auf den wir reagieren müssen“, betont Eisenmann.

Sie habe deshalb bewusst Qualitätsmerkmale der Sprachförderung in den Mittelpunkt der Maßnahmen gestellt, die beim Pakt für gute Bildung und Betreuung aus Sicht des Landes berücksichtigt sein müssen. Beispielhaft nennt sie die Konzentration unterschiedlicher vorschulischer Angebote, die sprachlichen Anforderungen an Tagesmütter und nicht zuletzt die vorgesehene Pflicht der Kindertagesstätten, Eltern im Falle von Sprachentwicklungsverzögerungen ihrer Kinder früh und deutlich zu beraten.

Die Ministerin weist ergänzend darauf hin, dass die Akzeptanz der Angebote des muttersprachlichen Unterrichts im Land in den vergangenen zehn Jahren sukzessive nachgelassen habe. Insgesamt seien die Teilnehmerzahlen um rund 30 Prozent zurückgegangen – dies zeige sich bei den größten Bevölkerungsgruppen, bei den Herkunftsländern Türkei, Italien und Griechenland, am deutlichsten. „Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass die Intention der alten EU-Wanderarbeiterrichtlinie immer weniger greift“, so Eisenmann.

Eine Untersuchung des Instituts für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund, das die Teilnahme Deutschlands an der internationalen Grundschullese-Studie IGLU verantwortet, hat gezeigt, dass Lesekompetenzen in Deutsch bei türkischen Grundschulkindern durch zusätzliche Arbeit an deutschen Texten besser gefördert werden können, als es durch ergänzende muttersprachliche Angebote der Fall ist. „Diese Befunde will ich nicht pauschalieren“, so die Ministerin. „Gleichwohl bestärken sie mich darin, beim staatlichen Angebot den Akzent auf eine frühzeitige Förderung deutscher Sprachkompetenzen zu legen.“

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